Persönlich

Turning point Pt 10: 365 Tage

Morphium, oh Morphium

Vor 365 Tagen

Ein Sonntag, Schmerzen. Viele Schmerzen. Und Fieber. Ich erinnere mich auch 365 Tage nach dem 30.09.2018 leider noch recht genau an die Gefühle, die mich damals durch diesen Tag begleitet haben. Erst die Naivität, dann die Überraschung, dann die Angst.

Mit unerträglichen Schulter- und Rückenschmerzen bin ich damals aufgewacht, kaum noch in der Lage zu liegen, zu stehen oder zu sitzen. Die Atemnot habe ich da noch gar nicht richtig registriert – irgendwie wusste ich allgemein gar nicht so richtig, was da gerade passiert. Nach einer Weile Kampf und Ignoranz gegen meinen schlechten Allgemeinzustand, folgte die Resignation, dass es wohl doch Zeit für einen Besuch beim Arzt wird.

Murphys Gesetz

Da Sonntag war, fuhr ich mit dem Taxi in die Notaufnahme. An den ärztlichen Notdienst habe ich damals nicht gedacht, was mir mittlerweile etwas unangenehm ist, weil ich mich immer so über die unnötigen Notaufnahmegänger aufrege. Und ganz ehrlich: Als ich damals ins Krankenhaus gefahren bin, dachte ich, dass die mir einfach eine Spritze oder irgendwas in die Schulter jagen und ich danach wieder nach Hause fahren kann. Hätte ich also an den ärztlichen Notdienst gedacht, wäre ich mit Sicherheit dorthin gefahren und nicht in die Notaufnahme.

Wie auch immer: Die Schwestern an der Anmeldung haben mich letztendlich ja eh zum ärztlichen Notdienst geschickt, welcher die Situation wiederum und Gott sei Dank richtig eingeschätzt hat – nämlich nicht nur als eingeklemmten Nerv. Hier folgte meinerseits großes Erstaunen und die Überraschung. Ich wurde also mit dem Verdacht auf Lungenentzündung und Lungenkollaps in die Notaufnahme geschickt, wo ich 1. Im vollen Wartezimmer direkt dran kam (tendenziell eher immer ein schlechtes Zeichen) und 2. mit 40 Grad Fieber direkt an den Paracetamol-Tropf gehangen wurde.

Ja, ich lache (noch)

Was mich heute immer noch nicht wirklich los lässt, ist die Reaktion und das Verhalten des Arztes in der Notaufnahme. Der hielt es nämlich erstmal für total übertrieben, dass sein Kollege mich überhaupt zu ihm in die Notaufnahme geschickt hat und wollte dann auch erstmal kein Röntgenbild von meiner Lunge machen lassen, wegen der eventuell unnötigen Strahlung.

Dazu meine Gedanken: Einerseits verstehe ich diesen Arzt total. Es kommt ein junges Mädel zu ihm, sitzt da mit einer Freundin, unterhält sich und lacht sogar. Das ist meine Art mit solchen Situationen umzugehen (ihr hättet mich drei Tage später mit kollabiertem linken Lungenflügel erleben sollen, so witzig war ich noch nie drauf!). Dass diese Art erstmal darauf schließen lässt, dass es ja vielleicht nicht so wild ist: Okay. Ich weiß, wie viele Patienten sich unnötig in der Notaufnahme präsentieren und ich wäre als Arzt auch skeptisch und davon genervt. Ja wirklich. Vollstes Verständnis. Menschen sind eben oft Honks.

Aber: Stellt er damit nicht auch die Kompetenz seines Kollegens infrage? Und ich hatte 40 Grad Fieber. Das ist ja nicht nichts! Es gibt also durchaus unnötigere Patienten im Wartezimmer. Mal abgesehen davon, dass er einfach mal ein Stethoskop auf meinen Rücken hätte halten können und sich sein Zweifel am Röntgen damit erübrigt hätte. Letztendlich war ich nun doch einer dieser ernsten Fälle, die ihre Berechtigung in der Notaufnahme haben – auch wenn ich das zu Beginn selber nicht gedacht hätte. Es musste erst ein Chirurg hinzugezogen werden, der mich dann erstmal einrenkte und mir auch nicht so recht glauben wollte, dass es das nicht besser gemacht hat. Daraufhin habe ich dann doch noch mein Röntgenbild bekommen – da staunten dann alle nicht schlecht. Und siehe da: Auf einmal wurde ich sehr ernstgenommen.

Der Kampf in der Notaufnahme

Mein Fall zeigt den Struggle, den Ärzte in der Notaufnahme täglich führen. Einerseits wirklich verständlich, andererseits unter Umständen sehr fahrlässig – und definitiv keine Verantwortung, die ich tragen wollen würde.

Als besagter Arzt die Situation nach dem Röntgenbild dann erstmal erkannt hatte, lief immerhin alles „sehr gut“. Plötzlich war er extrem nett und besorgt, besonders nach einer Runde akuter Atemnot. Da gab es dann sogar noch mal einen extra Besuch um zu sehen, wie es mir geht. Das fand ich damals wirklich nett und hat mich gefreut. Am Ende ist es gut gegangen, aber ich hätte das alles wirklich nicht zuhause erleben wollen, nur weil der Arzt mich nicht ernstnimmt und einfach wieder wegschickt.

Long story short

Ich weiß, es ist verdammt schwierig in der Notaufnahme. Ich denke auch, dass die Geschichte prägend für diesen einen Arzt war – zumindest hatte ich später den Eindruck. Ich bin auch nicht böse auf diesen Arzt, sondern sehr dankbar, dass er mir letztendlich an diesem Tag geholfen hat. Aber es gibt mir zu Bedenken, dass diese Geschichte jedem passieren kann und dann eventuell doch jemand ernsthaft krankes weggeschickt wird, nur weil ein Arzt keine Lust auf den nächsten Hypochonder hat. Ich habe keine Antwort, keine Lösung für dieses Problem – es kreist nur in meinem Kopf und ich versuche irgendwie damit abzuschließen.

Das ist jetzt ein Jahr her. Ein Tag, der mein Leben schon irgendwie langfristig ganz schön verändert hat. Und was für ein Rattenschwanz das Ganze mitgebracht hat, folgt in einem neuen Kapitel.